Die Heidarebe

Die Geschichte des Heida

Wie der Name "Heiden" sagt, stammt diese Traubensorte aus uralter Zeit, denn das Beiwort "Heiden" gibt man nur Gegenständen, die angeblich oder tatsächlich aus der Heidenzeit, d.h. aus der Zeit vor der Evangelisation stammen. Schon die Sarazenen sollen die Sorte gebaut haben, und das Volk sagt, dass der Rebberg sich ursprünglich bis auf das Gebidem (2328 m ü. M.) erstreckt habe. Noch früher soll der "Heido" im Nanzerthal gewachsen sein und man erzählt sich, dass daselbst allerdings vor langer Zeit ob dem "Stänofärrich" (steinerner Ferrich), einem 2260 m hoch gelegenen Alpstaffel der "Obersten", unter dem Gamsagletscher) ein Alpknecht ein kleines Bündel Sarment (Rebschosse) gefunden habe. Als er aber das Bündel aufheben wollte, sei es leider in Staub zerfallen! Wegen rauher werdenden Klimas sei der Rebberg bis in die Rieben zurückgedrängt worden.

(Author unbekannt)

Heidatrauben 5

Der Heidawein

"Heida", ein uralter, herrlich mundender Wein Harmonisch, körperreich mit ausgewogener Säure präsentiert sich der Heida aus Visperterminen. Wohl zurecht wird diese Rarität auch als die "Perle der Alpenweine" bezeichnet. Dieser Weisswein aus der kleinbeerigen, ertragsarmen Traubensorte gleichen Namens ist der Stolz der Vispertaler Winzer und bringt es in guten Jahren auf bis gegen 100 Öchslegrade. Wegen seinem ansehnlichen Alkoholgehalt (bis zu 14 Volumenprozent) wird er schon von G.F. Stebler (1901) als "Beinbrecher" benannt. Der Heida kann zu Käsegerichten sowie zu Trockenfleisch serviert werden. Aber auch als exklusiver Aperitifwein oder immer wieder als Überraschung ist er sehr beliebt.

Der Heidawein vor 100 Jahren Dr. F. G. Stebler (*1852 - +1935; Privatdozent ETHZ 1876-1900 für techn. landwirtschaftl. Fächer) verfasst seine "Monographie aus den Schweizer Alpen", "Ob den Heidenreben", 1901, welche detailliert Visperterminen und die Kultur seiner Bewohner beschreibt:

Der "Heiden", (geläufiger "Heida"), wie der Wein schlechtweg genannt wird, soll auch gut sein gegen unbequeme Einwohner im menschlichen Leibe. Morgens nüchtern mit Honig genossen, soll er dem Fremdling so zusetzen, dass dieser für gut finde, auszuwandern.
Der "Heida" ist ein gefährlicher Beinbrecher, der die Zunge löst und den Menschen in die glückseligste Stimmung zu versetzen vermag. Es wird von diesem Wein erzählt, dass man beim Genusse einer hinreichenden Menge "unendlich gescheit reden könne, man fühle sich ungemein glücklich und reich, und besitze die Kraft eines Riesen." Man gehe hin und prüfe ihn selbst! Die Einheimischen scheinen ihn besser zu ertragen als die Fremden.

Der Wein aus verschiedenen Jahren ist in der Qualität ausserordentlich verschieden. Der Visperterminer sagt:
"Wenn ds Wiwanni (eine nach Süden gelegene Mulde am 2998 m hohen Wiwannihorn, südlich des Bietschhornes) im Sommer schneefrei wird, so wird der Wein gut."

Im Nachsommer des Jahres 1899 hatte die "Wiwanni" nur noch drei kleine Schneeflecke, weshalb der 99er eine gute Marke war.
Ein Fehljahr, von dem in allen Chroniken viel die Rede ist, war das Jahr 1817. Der Wein war damals so selten und teuer, "dass mehrere alte Männer aus Abgang dieses stärkenden Getränkes nach einander gestorben sein sollen." (P. J. Studer.)

In der Tat werden die alten Leute in den Weinfehljahren mürrisch, do dass man den Mangel deutlich bemerkt.
Der richtige Traubenkocher im Herbst ist der Föhn, der gleiche Wohltäter, der im Frühjahr den Schnee schmilzt und das Gras ergrünen macht; in der übrigen Jahreszeit würde man auf diesen Gast gerne verzichten, da er leicht grosses Unheil anrichtet.
Auch heute hat der "Heiden" seine grösste Verbreitung in Visperterminen. Die Heidentraube ist eine weisse, mit dem gelben Traminer verwandte Sorte, mit kleinen, zuckersüssen Beeren, die einen kräftigen Wein liefern. In guten Jahrgängen trinkt er sich "wie frisch gemolkene Milch". Er löst die Zunge und versetzt den Menschen in eine glückselige Stimmung; man kann "unendlich gschid rede" fühlt sich reich und schön und hat die Kraft eines Riesen. Daneben ist er aber ein gefährlicher Beinbrecher; mancher fremde Wanderer ist in später Abendstunde nach dem Genuss von Heidenwein auf dem Heimwege von dem Botzen auf Abwege geführt worden und fand sich erst am andern Morgen zurecht. Wenn der junge Wein in voller Gärung in der "Tine" siedet und warm ist, ist er ein Göttertrank. Ein Bauer in der Barmilli erklärte bei der Weinernte: "Wenn de mine Heida warm isch, gani numme amuff is Dorf."

Weil die Reben bis zwei Stunden und mehr von den Dörfern entfernt sind, so besitzen viele Bauern daselbst kleine Häuschen zur Unterkunft, zur Versorgung der Geräte und auch als Schlafstellen. Manche derselben besitzen auch Keller, in welchen die gekelterten Trauben bis zum Ablass im Winter in Tinen gelagert werden.

Meist werden aber die Trauben gleich nach der Ernte in Brenten mit Maultieren oder Stieren ins Dorf gesäumt. Die entfernten Rebbauern brechen schon um drei Uhr früh mit den Maultieren auf, damit sie den Gang vom Dorf in die Reben zwei- bis dreimal im Tage machen können.
Die geschnittenen Trauben werden in ovalen, hölzernen Brenten befördert. Eine Brente hält ungefähr 40 Liter; zwei Brenten bilden einen "Saum", d. i. die Last für ein Saumtier. Die Trauben kommen dann in aufrechte, oben mit einem Fasstürchen verschliessbare Kufen ("Tinen"), werden hier mit dem ("Trosen") verstossen und gären gelassen. Erst nachdem die Gärung vorbei ist, im November oder später, wird der Wein abgepresst. Vorerst wird der "Vorlass" abgezapft, das ist der Wein, der ohne Pressung abfliesst. Inwendig in der Kufe ist dem Hahnen ein "Palmzweig" (Wacholderzweig) vorgelegt, der als Filter dient und die Trester zurückhält. Die nach dem Ablass zurückbleibenden Trauben werden nun auf dem "Triel" (Weinpresse) abgepresst; man nennt diesen zweiten Wein "Trielwein".

Der Trielwein ist weniger kräftig und weniger haltbar als der Vorlass. Er wird meist zuerst getrunken; der Vorlass wird auf die Zeit der strengen Arbeit im Sommer gespart. Die ausgepressten Weintrester werden entweder sofort nach der Pressung, oft aber erst im April und Mai destilliert. Selbstverständlich ist die Qualität des Weins je nach dem Jahrgang verschieden gut. Wenn das Wiwanni, eine Bergmulde an dem südlich des Bietschhorns gelegenen Wiwannihorn (s. Fig. 2), im Herbst schneefrei wird, soll der Wein gut werden. Aber auch die verschiedenen Lagen liefern verschieden guten Wein. Die besten Lagen sind die geschützten Südwesthänge. Die Rieben, der höchste Rebberg Europas, wo der erwähnte Heidenwein wächst, ist von der Morgensonne abgekehrt und leidet deshalb nicht unter den Spätfrösten. Er war z. B. am 11. August 1921 vormittags 9 Uhr noch im Schatten, trotzdem der Tag sonnig war. Der Wein der Rebberge, die gegen das Baltschiedertal gekehrt sind, soll sauer werden; denn aus diesem im Norden gelegenen Tal kommt ein rauer Wind. Ein Spassvogel in Visperterminen hat einmal auf den 1. April das Gemeindewerk aufgeboten, man wolle das Baltschiedertal zumauern. Am besten wird der Wein, wenn man im Herbst bei der Weinernte "beitet", d. h. möglichst lange wartet. Ein schöner Tag im "Wimanet" (Oktober) fördert den Wein mehr als eine Woche im "Herbstmanet".

"Der Wi muess dr Wimanet gseh, de wird er guet"

Im Herbst, wenn der Wein zu reifen beginnt, hört man an sonnigen Hängen überall ein hohes "gri, gri, gri"; es ist der Ton der Singzikade. Die Bewohner schreiben den Gesang unrichtigerweise der Gottesanbeterin (Mantis religiosa) zu, einem heuschreckenähnlichen Insekt mit rundlichem Kopfe, so genannt, wegen den langen, nach vorn vorgestreckten Fangarmen, die an einen Betenden erinnern. Die Gottesanbeterin ist aber stumm und singt nicht. Sie kommt nur in wärmern Gegenden der Schweiz vor, ist aber in den Weinbergen im Vispertal heimisch und steigt im Herbst bis weit den Hang hinauf. Man kann sie im Nachsommer im Wurtental leicht fangen. Anfänglich grün gefärbt, wird sie mit fortschreitender Reife des Weins allmählich bräunlich. Die Singzikade und die Gottesanbeterin sind zwei verschiedene Insekten.

Wenn im Herbst die Trauben reifen, so wird zur Überwachung der Weinberge ein Flurhüter angestellt. Misslich erging es einmal einem Visper Flurhüter. Als ein Terbiner einmal vom Berg hinunter nach Visp ging, bemerkte er, wie der Hüter seine Taschen mit Trauben füllte, in der Meinung, dass es niemand sehe. Der Terbiner stellte dem Hüter nun eine Falle und tat so, als ob er Trauben nehme, füllte seine Taschen aber nur mit Reblaub. Der Hüter, der dies sah, glaubte, es sei ein Traubendieb und nahm ihn mit zum Vorstand. Der Terbiner ging willig mit. In der Burgschaft angekommen, wollte der Hüter geschwind heim, seine Trauben zu versorgen.
Der Terbiner verlangte aber, dass er sofort mit ihm zum Vorstand komme. Als nun dem Terbiner die Taschen ergebnislos untersucht waren, verlangte dieser, dass man nun auch dem Flurhüter Nachschau halte; nun stellte es sich heraus, dass nicht der Terbiner, sondern der Flurhüter der Dieb war.

Der Wein wird nicht in den Handel gebracht, sondern er wird im Laufe des Jahres im eigenen Haushalt verbraucht. Fast jeder Bauer hat Wein im Keller. Mancher spricht ihm aber manchmal anfänglich zu stark zu und muss dann im Sommer bei der Hitze dürsten oder Wasser trinken. Ein Bauer, der den Wein schon im ersten Monat austrank, tröstete sich mit den Worten:
"Über elf erste Sunntig gibt's wieder neue."

Eine Frau behauptete, ihr Mann trinke ihr allen Wein weg, sie komme deshalb zu kurz. Der Mann meinte, dem könne abgeholfen werden; er machte einen Kreidestrich vorn quer am Fass; ihr gehöre die obere Hälfte und ihm die untere, sagte er. So geschah es; er machte für die Frau einen obern Hahnen beim Strich ins Fass und einen untern für sich weiter unten. Der Frau ihre Hälfte war zuerst leer.
In alter Zeit, als der Weinbau in der Gegend noch nicht so allgemein war wie heute, wurde öfters über den Theodul Wein im Augsttal geholt.

(Author unbekannt)